In diesem Artikel möchten wir Ihnen eine Übersicht über die groben Entwicklungsschritte von Sechs- bis Zwölfjährigen geben, die sich in folgende Bereiche einteilen: Grob- und Feinmotorik, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Selbstwertgefühl, Emotionen, Beziehung zu Gleichaltrigen und (Peer)Gruppen. Dabei werden jeweils geschlechtliche Unterschiede thematisiert.

Entwicklung der Grob- und Feinmotorik 

In dieser Entwicklungsphase wirkt sich die verbesserte Muskelkraft und Körpergröße positiv auf viele motorische Fähigkeiten der mittleren Kindheit aus. Die kognitive und soziale Reife begünstigt ebenfalls komplexere motorische Abläufe. Außerdem ist eine verbesserte Reaktionszeit bei Elfjährigen festzustellen. Diese reagieren bspw. doppelt so schnell wie Fünfjährige. 

Folgende Fähigkeiten verbessern sich in dieser Entwicklungsstufe: 

Grobmotorik

Eigene Darstellung, vgl. Laura E. Berk 2011

Feinmotorik

Eigene Darstellung, vgl. Laura E. Berk 2011

Geschlechtliche Unterschiede bei der motorischen Entwicklung

In der Regel sind Mädchen den Jungs in allen feinmotorischen Bereichen wie Schreiben, Zeichnen, Seilspringen und Hopsen voraus. Die Jungs hingegen fühlen sich durch ihren Körperbau und ihre Kraft in allen grobmotorischen Bereichen wie Werfen, Laufen und Klettern wohler als Mädchen. 

Die Entwicklung der Aufmerksamkeit 

In der mittleren Kindheit verbessert sich die Aufmerksamkeit in dreifacher Form: 

  • Selektive Aufmerksamkeit: Relevante Informationen für das jeweilige Ziel werden beachtet, unwichtiges ignoriert. 
  • Angepasste Aufmerksamkeit: Zwischen sechs und neun Jahren verbessert sich die Leistung der Kinder so stark, dass sie ihre Aufmerksamkeit flexibel an aktuelle Situationen und Erfordernisse anpassen können. 
  • Planvolle Aufmerksamkeit: Schulreife Kinder untersuchen Bilder und andere Materialien genauer auf Ähnlichkeiten und Unterschiede. 

Gedächtnisstrategien entwickeln sich 

In dieser Entwicklungsstufe wird das Wissen im Langzeitgedächtnis größer. Mittlerweile organisiert sich das Wissen im Gehirn in strukturierten Netzwerken. Diese Entwicklung kommt auch Erinnerungsstrategien zu gute, die im Vorschulalter noch nicht so ausgebaut waren. Allgemein kann man sagen, dass angelegte Netzwerke im Gehirn rasch neues Wissen aufsaugen und speichern. Zudem kann es schnell wieder abgerufen werden. Ein Beispiel: Ein Kind, das gerne Fußball spielt, wird sich leichter neue Informationen merken als ein Kind, das mit Fußball noch nie etwas zu tun hatte. 

Folgende Gedächtnisstrategien werden in der mittleren Kindheit genutzt: 

  • Wiederholung von Informationen 
  • Organisation und Gruppierung von verwandten Bestandteilen wie z. B. alle Positionen auf einem Fußballfeld. 
  • Ausarbeitung und in Beziehung setzen von mehreren Informationen wie z. B. Bär und Gitarre- es wird sich ein Bär vorgestellt, der Gitarre spielt. 

Der kurzzeitige Abfall des Selbstwertgefühls

Spätestens ab der Schulzeit bekommen die Kinder regelmäßig Rückmeldung über erbrachte Leistungen, die in Relation zu anderen Kindern gebracht werden. 

Durch den gesunden Vergleich wird das Selbstgefühl nun ausgeprägter, differenzierter und realistischer. Kinder überschätzen ihre Fähigkeiten nicht mehr so wie im Vorschulalter. Das Austesten und Vergleichen hat jedoch zur Folge, dass das Selbstwertgefühl in den ersten Grundschuljahren erst einmal absinkt. In vielen Fällen ist dieser Rückgang nicht weiter tragisch, da viele Kinder ihre eigenen Kompetenzen realistisch einschätzen und gleichzeitig Selbstakzeptanz und Selbstrespekt beibehalten. 

Ab der 4. bis zur 6. Klasse steigt das Selbstwertgefühl aufgrund von körperlichen Fähigkeiten und ausgeprägteren Beziehungen zu Gleichaltrigen wieder. 

Einflussfaktoren des Selbstwertgefühls in der mittleren Kindheit 

Anhand von der nachfolgenden Übersicht, möchten wir Ihnen einen Überblick über die verschiedenen Einflussfaktoren des Selbstwertgefühls in der mittleren Kindheit geben: 

Eigene Darstellung, vgl. Laura E. Berk 2011

Weitere Einflussfaktoren sind: 

  • Kultur: Kulturelle Strukturen haben einen großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl. So vergleichen sich bspw. Asiatische Kinder seltener mit Gleichaltrigen, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Da ihre Kultur auf Bescheidenheit und Harmonie setzt, tendieren diese Kinder auch weniger dazu, sich ins Lampenlicht zu drängen. Gleichzeitig sind sie aber sehr freigiebig mit Lob gegenüber anderen. 
  • Erziehungsstil: Eltern, die einen autoritativen Erziehungsstil anwenden, ziehen in der Regel Kinder groß, die ein positives Selbstwertgefühl entwickeln. „Autoritative Erziehung ist ein Erziehungsstil, bei dem Eltern ihren Kinder Grenzen setzen. Er ist weder zu nachgiebig, noch zu autoritär, sondern findet die goldene Mitte,“ sagt Dr. Steven Pastyrnak, Leiter der kinderpsychologischen Abteilung im Helen DeVos Children’s Hospital in Grand Rapids, Michigan.

Die rasante emotionale Entwicklung

In dieser Entwicklungsstufe benötigen Kinder kein Feedback mehr von ihren Bezugspersonen was die Einschätzung von Gefühlen betrifft. Emotionen wie Stolz und Schuldgefühle kann das Kind nun bereits selbst einschätzen. Die Kinder haben – im Vergleich zum Vorschulalter –  nun auch nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit Schuldgefühle, sondern nur bei wirklichen Fehlverhalten. Vorsichtig sollte man jedoch bei Fragen wie „Alle beherrschen das, wieso du nicht?“ sein. Bei wiederholten Auftreten können sich solche Fragen negativ auf den Selbstwert auswirken, weil das Kind sich selbst beschuldigt. Der Stolz treibt die Kinder zu neuen Herausforderungen. 

Da Schulkinder mit sozialen Vergleichen beschäftigt sind und Freundschaften immer wichtiger werden, entwickeln Kinder immer mehr Strategien mit (negativen) Gefühlen umzugehen, um sich das Wohlwollen der Gleichaltrigen zu sichern. 

Wenn ein Kind bspw. eine schlechte Note bekommen hat, wird es versuchen sich abzulenken oder die Situation umzudeuten („Hätte auch die Note 6 anstatt der 5 sein können.“).

Durch steigende Reflexionsfähigkeit kommen diese Strategien immer häufiger zum Einsatz. Durch die emotionale Selbstwirksamkeit lernt das Kind so auch, dass es die Kontrolle über eigene Emotionen hat. Folglich verbessert sich auch die Empathie und die sozialen Fähigkeiten

Die Beziehung zu Gleichaltrigen wird wichtiger

Der Kontakt zu Gleichaltrigen wird immer wichtiger und unterstützt die Kinder durch die Einnahme von verschiedenen Perspektiven wichtige Lernprozesse. 

Freundschaften sind wichtig, weil

  • Vertrauen und Feinfühligkeit entwickelt wird. 
  • gemeinsame Lösungen gesucht werden. 
  • emotionale Verantwortung erlernt wird.
  • der Umgang mit Kritik eingeübt wird. 
  • verschiedene Perspektiven durch Meinungsverschiedenheiten angenommen werden. 

Der Zusammenschluss von (Peer)Gruppen

In dieser Entwicklungsstufe schließen sich die Kinder auch zum ersten mal in Gruppen zusammen. 

Eigene Darstellung, vgl. Laura E. Berk 2011
  • Gruppen schaffen bestimmte Wertevorstellungen
  • Standards in Aussehen und Verhalten 
  • Sozialstruktur in Anführer und Gefolgsleute gegliedert 
  • Erfahrungen und Gewohnheiten schafft ein Gefühl der Gruppenidentität 
  • Soziale Fähigkeiten wie Kooperation, Führungskompetenz und Loyalität gegenüber kollektiven Zielen werden erworben 

Durch die gesammelten Gruppenerfahrungen können die Kinder mehr experimentieren und sich weiterentwickeln. Negative Einflüsse können bei Gruppen natürlich auch nie ganz ausgeschlossen werden. Zudem können durch einzelne Gruppendynamik Außenseiter entstehen. 

Da Kinder in diesem Alter aber nach dem Bedürfnis der Gruppenzugehörigkeit streben, können auch andere Gruppen wie die Pfadfinder oder (Sport)Vereine aufgesucht werden. 

Geschlechtliche Unterschiede bei Aktivitäten 

Eigene Darstellung, vgl. Melitta Walter 2005

Unser Wissen haben wir aus Laura E. Berks Buch der Entwicklungspsychologie und Melitta Walters Buch Jungen sind anders, Mädchen aber auch.