Fantasiearmut, verzögerte Entwicklung und vieles mehr kann mit dem übermäßigen Bildschirmkonsum einhergehen. Doch Sie können dieser Entwicklung entgegenwirken! Aus diesem Grund haben wir in diesem Artikel Wissen aus Werbung, Entwicklungspsychologie und Pädagogik für Sie verknüpft!

Wie Kinderserien die kindliche Fantasie ersetzen 

Da scheinbar schon viele Kinder ab 7 Uhr morgens vor dem Bildschirm sitzen, beginnt hier das (Werbe)Programm, das auf die Fantasie der Kinder abzielt. Im Vorschulalter und auch noch in der mittleren Kindheit ist die kindliche Fantasie sehr ausgeprägt. Kinder sprechen mit ihrem Teddybär, bauen Häuser unter dem Tisch und bitten dich freundlich herein, wenn es plötzlich im Wohnzimmer zum Regnen beginnt. Das alles bietet das Kinderfernsehen auch! Der Feuerwehrhund löscht das Feuer und das Mädchen fliegt auf einem Besen. Das alles sind Geschichten, die sich auch Ihr Kind hätte einfallen lassen können! Der Unterschied liegt nur darin, dass es sich nicht um die EIGENE kindliche Fantasie handelt, sondern die Kinder in eine andere Welt von außen eingeladen werden und in ihr versinken.

Der Nachwuchs muss sich also nichts mehr ausdenken, denn das übernehmen andere für ihn! 

Viele Kinder verfallen regelrecht diesen fremden und spannenden Welten mit dem bitteren Beigeschmack, dass die eigene Fantasie immer blaser und verschwommener wird. Diesen Kindern ist häufig sehr langweilig, wenn sie nicht vor der Mattscheibe sitzen, weil sie nach und nach das Spielen verlernt haben. 

Das Kinderfernsehen als Paradis für Werbeagenturen

Je höher die Einschaltquote, desto besser für den Sender, denn hier lohnen sich Werbespots besonders! Aus diesem Grund werden möglichst viele Spots in und zwischen den Sendungen ausgestrahlt und prompt will das Kind das Spielzeug zur TV-Serie, da es sich mit einem bestimmten Helden identifiziert und im kindlichen Spiel in diese Welt abtauchen möchte.

Übrigens haben Werbepsychologen die geschlechtlichen Unterschiede über Jahrzehnte untersucht! Mädchen spielen nach wie vor gerne mit Puppen und Jungs mit Autos! Solche und noch weitere Unterschiede hat und wird es immer zwischen den Geschlechtern geben! Und ja, sie spielen für die Werbung eine wichtige Rolle! Denken Sie nur an die harmonischen und ruhigen Werbespots! Wird hier für Autos Werbung gemacht? Wohl eher kaum!

Durch das gezielte „Product Placement“ könnte auf Kinder im jetzigen und weiteren Verlauf ihres Lebens eine suchtverstärkende Wirkung ausgelöst werden, denn auch viele Erwachsene identifizieren sich noch stark mit einer Marke. So sehr, dass sie regelrecht enttäuscht sind, wenn sich „ihre“ Marke einen Fehltritt erlaubt hat! Sie machen die Marke zu einem Teil ihrer Identität und stehen für das neue Produkt sogar stundenlang in der Kälte.

Kein Kinderfernsehen ist auch keine Lösung

Also sollen Kinder nun am besten gar kein TV mehr gucken? In der heutigen Zeit fast utopisch! Durch den hektischen Alltag verschaffen sich viele Eltern wenigstens 10 Minuten durch eine Kinderserie Luft und das ist auch legitim. Doch können Sie ihr Kind durch ein paar Aspekte weiterhin in Ihrer Entwicklung positiv unterstützen.

Viele Pädagogen und Wissenschaftler haben sich mit dem Thema Medienkonsum beschäftigt und ein Modell von Paula Bleckmann möchten wir Ihnen nun vorstellen. 

Mit dem Medienmündigkeitsturm „immun“ gegen Werbung 

Nachfolgend sehen Sie den „Medienmündigkeitsturm“ von Paula Bleckmann.

Medienmündigkeitsturm nach Paula Bleckmann, 2014

Nun zur Erklärung. Die Pyramide ist so aufgebaut, dass sich Kinder nach und nach bestimmte Kompetenzen aneignen und erst wenn diese gegeben sind, sind sie in der Lage das gezielte Product Placement der Werbung kritisch zu hinterfragen

Die unterste und größte Stufe bildet sensomotorische Fähigkeiten ab, die besonders in den ersten Lebensjahren und im Vorschulalter ausgebildet werden. Kommt es in dieser Phase zu übermäßigen Reizüberflutungen durch Bildschirmmedien, kann die Verknüpfung von Sinnes- und Bewegungserfahrungen in Teilen gestört werden. 

In der nächsten Stufe sollen sich Gestik, Mimik und die sprachlichen Fähigkeiten entwickeln. Wichtig hierbei zu wissen ist, dass Kinder mit ungefähr 2 Jahren aus entwicklungspsychologischer Sicht besonders am „Modell lernen“! Das bedeutet, dass sich Kinder sehr viel von ihren TV-Helden abgucken können, wenn sie viel konsumieren. Da sich auch in der Altersspanne von drei bis sechs Jahren die Empathie entwickelt, könnten auch hier Einschränkungen stattfinden. Auch der bekannte Neuropsychologe Manfred Spitzer bestätigt, dass es zu verzögerten Sprach- und Bewegungsentwicklungen und dem Verlust von Mitgefühl kommen kann, wenn Kinder schon frühzeitig mit massiven TV Konsum konfrontiert werden. Fraglich ist jedoch, ob diese Auffälligkeiten ausschließlich von der Mediennutzung kommen oder noch andere Einflussfaktoren mit einspielen. 

Bei der nächsten Stufe geht es um die aktive GestaltungMalen, Basteln, Singen – alles was selbst produziert wird, ist gut und wirkt sich positiv auf die Entwicklung aus. Auch kindliche Rollenspiele, die mit ca. drei bis vier Jahren beginnen, zählen hierzu! Das Kind lernt:

Es ist aktiver Gestalter seines Lebens und hat die Zügel selbst in der Hand. 

Durch übermäßigen Passivkonsum wird diese Ansicht jedoch mit Fantasiearmut und Hilflosigkeit ersetzt. 

Und auf der Spitze der Pyramide turmt die Rezeptionsfähigkeit. Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit zur Wahrnehmung und zur Verarbeitung von äußerlichen Reizen. Dies geschieht zum Beispiel beim Vorlesen oder beim emphatischen betrachten einer Zeichnung. Da es sich bei dieser Fähigkeit um einen Lernprozess handelt, sollte die Wahl der Medien wohl bedacht sein. Viele Kinderserien und Filme sind nicht auf die kindliche Wahrnehmung abgestimmt. 

Haben die Kinder erfolgreich alle Stufen durchlaufen, sind sie mehr in der Lage kritisch zu reflektieren! Sie können das Wahrgenommene besser kritisch hinterfragen und einordnen. Dazu zählt auch, dass sie die Werbung durchschauen und ihr zum großen Teil widerstehen können. Die Reflexionsfähigkeit sollte daher schon im Vorschulalter ausgebildet werden und hat einen hohen Stellenwert. 

Ab wie viel Jahren ist Medienkonsum nun sinnvoll?

Die American Academy of Pediatrics hat 2011 herausgefunden, dass die Nutzung von Medien unter drei Jahren nicht sinnvoll ist. 

Aus entwicklungspsychologischer Sicht machen die Kinder vor allem im Vorschulalter erhebliche Fortschritte, die es aktiv zu fördern gilt. 

Wer dennoch nicht vollkommen auf Kinderserien verzichten möchte, dem empfehlen wir Internetseiten wie 

schau-hin.de 

Hier kann man sich über die altersgerechte Nutzungszeit des Nachwuchs informieren. 

Auch die Kindersuchmaschine

fragfinn.de 

können wir Ihnen ans Herz legen. Hier wird nämlich auf Kinderwerbung verzichtet! 

Wenn Sie noch weitere Informationen zum Thema benötigen, können Sie uns gerne kontaktieren! 

Unser Wissen haben wir aus Paula Bleckmanns kostenlosen Artikel “Kleine Kinder und Bildschirmmedien” und dem Buch “Der Vampir-Effekt” von Frank Koschembar.

Empfehlenswert ist auch die englische Podcast Episode “I Buy, Therefore I Am: How Brands Become Part Of Who We Are” von Hidden Brain!